Während die Fangemeinde feiert, möchte ich als nicht mehr so Shadowrun-Spieler fragen: Deutsche Übersetzungen, braucht man die wirklich?
Blick wir einmal zurück. Damals in den 80ern und 90ern sprachen gleich mehrere Faktoren für deutsche Übersetzungen:
Deutsche können keine Fremdsprachen
Zuerst einmal konnte der Jugendliche, der vor 1970 geboren wurde, in der Regel kein sonderlich gutes Englisch. Also wurde fleißig übersetzt, damit auch der Normalsterbliche die Regelwerke verstehen konnte.
Nun könnte man natürlich einwenden, dass Rollenspielbücher sich nicht gerade auf dem sprachlichen Niveau Edgar Allan Poe bewegen, sondern in der Regel für 12-14jährige geschrieben werden. Das verwendete Englisch ist also eigentlich gar nicht so schwierig, zumal Englisch für Deutschsprecher aufgrund der engen sprachlichen Verwandtschaft recht leicht zu erlernen ist. Das so manche Übersetzung ins Deutsche das Ganze nicht ver-, sondern eher missverständlicher macht, ist dabei noch eine ganz andere Sache.
Nun ja. Eigentlich sind diese Zeiten vorbei. Ich bin Jahrgang 1979 und gehöre damit zu den mittleren Jahrgängen der Rollenspielszene. Ich hatte wie die Mehrheit der Rollenspieler, die bekanntlich zum großen Teil bildungsstark sind, 9 Jahre Englisch in der Schule. Das ist eine Menge Holz, also sollte eigentlich mangelnde Englischkenntnisse keine Ausrede sein für alle unter 40 (bzw. systemwechselbedingt unter 30 für Ossis).
Importe sind teuer
Ja, damals in den 80ern war der Import eines Rollenspielbuches noch richtig teuer. Noch bis in die späten 90er verlangten viele Rollenspielhändler gerne den doppelten bis dreifachen Preis für Importbücher. Daher ist es natürlich nur verständlich, dass es für den Rollenspieler, der oftmals Schüler oder Student ist, besser war, wenn die Bücher in Deutschland produziert wurden.
Allerdings sind auch diese Zeiten vorbei. Amazon liefert englische Bücher, darunter auch Rollenspielbücher, versandkostenfrei und selbst vernünftige Rollenspielhändler schlagen keine übertriebene Preisaufschläge für den Import auf ihre englischsprachigen Bücher.
Irnoischerweise geht das oft sogar soweit, dass die englischen Originalausgaben teils deutlich preiswerter als ihre deutschen Übersetzungen sind.
Deutschsprachige Übersetzungen wirklich nötig?
Hand aufs Herz: Wenn die Mehrheit der Rollenspieler mehr als ausreichend Englisch können und Importe nicht mehr kosten, warum dieser Hype um deutsche Übersetzungen? Gut, der Grund ist mir natürlich klar - Bequemlichkeit - aber überlegen wir doch einmal kurz welche Bedeutung das für den deutschen Rollenspielmarkt hat.
Ich möchte dazu einmal einen kurzen Ausflug in ein verwandten Bereich unternehmen, den der Phantastik. Phantastik, also Fantasy, Science Fiction und Horror, ist auf dem deutschen Markt ein beinahe ausschließliches Übersetzungsgeschäft. Würde es dabei um Weltliteratur handeln, so wäre das sicherlich einleuchtend, aber so wird der deutsche Phantastikmarkt - ganz genau so wie der deutsche Rollenspielmarkt - vor allem von englischsprachigen Autoren bedient. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Eine sind Romane zu Rollenspielserien. Die werden nämlich auch von deutschsprachigen Autoren geschrieben.
Wenn wir nun zurück auf den deutschen Rollenspielmarkt gucken entsteht ein seltsames Bild: Der deutschsprachige Teil des Rollenspielmarktes wird von Übersetzungen englischsprachiger Rollenspiele dominiert, zu denen deutsche Autoren Phantastikbücher schreiben.
Das hat schon eine gewisse Ironie, nicht wahr?























Das heute alle Leute gutes Englisch beherrschen ist falsch. Nicht einmal alle Rollenspieler, die durchschnittlich gesprochen ja schon aus gebildeteren Schichten stammen. Es gibt auch durchaus noch Jugendliche zwischen 14 und 16, die noch gar nicht so weit sind mit ihrem Englischunterricht, dass sie ein Grundregelwerk verstehen könnten, aber trotzdem spielen wollen (z.B. Warhammer, das sich immer noch sehr gut verkauft). Und dann gibt es noch Leute, die einfach lieber in ihrer Muttersprache lesen und eine Fremdsprache als Hindernis ansehen. Deutsche Übersetzungen machen also sehr wohl Sinn.
Comment by Scorpio — Tuesday, 19. August 2008 @ 12:31
Gemeinsame Nomenklatur.
Keiner will sich am Spieltisch mit denglischen Begriffen (es sei denn sie sind stilbildend, wie z.B. “Rigger” herumschlagen).
Das alle die gleichen Begriffe verwenden und sich darüber unterhalten können ist ein enormer Vorteil für die Szene.
Nebenbei liefern 8 Jahre Schul-Englisch (leider) keine ausreichende Befähigung für das Verständnis von englischen Rollenspielbüchern. Sehe ich immer wieder.
Man muss sich auch außerhalb der Schule dafür interessiert haben und bereits andere englische Medien konsumiert haben, damit man mit englischen Rollenspielen zurecht kommt.
Comment by alexandro — Tuesday, 19. August 2008 @ 12:42
Dein Bildunsgelitentum in allen Ehren: Nach Aussage von Großhändlern und ehemaligen Ladenbesitzern hat sich in Deutschland der Trend zum deutschen Produkt anfang bis mitte der neunziger durchgesetzt.
Und auch wenn eine Fremdsprache zu beherrschen eine nützliche Kultur-Technik ist, will nicht jeder das am Freizeitvergnügen lernen müssen. Meine Begegnung mit “Iiiih-Englisch!”-Personen auf verschiedenen Cons, auf denen ich Indies vorgestellt habe, sind frisch und eindrucksvoll.
Comment by Harald Wagener — Tuesday, 19. August 2008 @ 12:47
ich finds prima, wenn die Sachen auf Deutsch rauskommen. Auch wenn mein Englisch durchaus ausreicht, ist es in meiner Muttersprache schlicht entspannter zu lesen.
Comment by flippah — Tuesday, 19. August 2008 @ 14:04
Ich habe seit jeher die englischen Originale bevorzugt. Oft sind Übersetzung leider nicht so gut gelungen, die deutschen Bücher sind wegen Preisbindung oft auch teurer und man wartet regelmäßig auch einige Monate bis übersetzte Regelwerke und/oder Quellenbücher verfügbar sind. Als ich mit Rollenspielen angefangen habe waren übrigens nur wenige Spiele übersetzt. So hat man sich halt die englischen Spiele gekauft und im Notfall mußte man halt die neuen Vokabeln nachschlagen. Das hat mir nicht wirklich geschadet.
Comment by Stargazer — Tuesday, 19. August 2008 @ 15:34
Ich lese und kaufe fast alles auf Englisch, aber wenn meine Frau mitspielen soll, dann muss es Deutsch sein. Nicht weil sie es nicht könnte, sondern weil es ihr einfach zu langsam wird. Kann ich auch gut verstehen.
Comment by Alex Schröder — Tuesday, 19. August 2008 @ 17:24
Nanu? Wo ist denn mein Posting hin verschwunden, zu dem alexandro in Nomenklausur ging?
Comment by Scorpio — Tuesday, 19. August 2008 @ 17:38
Anmerkung allgemein: Comments müssen die ersten paar mal erst von mir freigegeben werden, bevor euch das System automatisch durchlässt.
Comment by Sven — Tuesday, 19. August 2008 @ 17:43
Der kommerzielle Rollenspielsektor geht schon seit seinen Anfängen denselben Weg, den auch der größte Teil der restlichen Medienindustrie verfolgt.
Erfolgreiche ausländische Konzepte werden gekauft oder kopiert, das hält Entwicklungskosten niedrig und hat meist eine höhere Erfolgsquote, als sich ganz neue Dinge auszudenken. Was zehn Millionen Amerikanern Gefällt, wird auch ein paar zehntausend deutsche Anhänger finden.
Was Übersetzungen angeht – die ernsthaften Hobbyisten unter den Rollenspielern, die sich in Foren und Blogs herumtreiben, und mit ihren Genossen über die guten Ideen im neusten Indie Rollenspiel diskutieren, brauchen wohl keine.
Aber ohne Übersetzungen würde manches Rollenspiel nie die große Zahl an Casual Gamern erreichen, die sich allenfalls im Forum ihres Lieblingsrollenspiels oder im Rollenspielladen informieren, und sich wenig aus fremdsprachigen Medien machen.
Comment by Roland — Tuesday, 19. August 2008 @ 17:59